
Zehntausende Bürger demonstrieren im Herbst 1989 im Stadtzentrum von Dresden für eine tief greifende politische Wende in der DDR. Foto: ADN-ZB Häßler / Bundesarchiv, Bild 183-1989-1113-050 / CC-BY-SA 3.0
In den bewegten Wochen des Herbstes 1989 wird Stefan Heym zu einem gefragten Kommentator der politischen Entwicklung in der DDR. In mehreren Essays, in Interviews mit Medienvertretern aus dem In- und Ausland, in Reden auf Demonstrationen und Kundgebungen sowie in öffentlichen Diskussionen wirbt er immer wieder für eine demokratische Erneuerung der DDR – einschließlich freier und geheimer Wahlen. „Es ist höchste Zeit, sich von dem alten Schema zu lösen und aus dem real existierenden Sozialismus in der DDR einen wirklichen zu machen, trotz alledem“, schreibt er Mitte Oktober in einem Beitrag für die in Hamburg erscheinende Wochenzeitung „Die Zeit“. Der Erhalt der DDR sei notwendig „schon als Gegengewicht gegen die Daimler-Messerschmitt-Bölkow-Blohm-BASF-Hoechst-Deutsche-Bank-Republik“. Ein demokratischer Sozialismus auf deutschem Boden, so Heym weiter, könne überdies zum Impulsgeber werden für die unter dem stalinistischen Erbe leidende internationale Linke.
In seinen Plädoyers für grundlegende demokratische Reformen setzt Stefan Heym zunächst auch auf (nicht näher benannte) Reformkräfte innerhalb der SED. „Woher sonst soll er denn kommen, der deutsche Gorbatschow, wenn nicht aus den Reihen dieser Partei, in einem Staat, in dem jahrzehntelang niemandem außerhalb ihrer Reihen ein ernst zu nehmendes Wort gestattet wurde?“, schreibt er in einem Essay für den „Spiegel“. Die Ernennung von Egon Krenz zum Nachfolger Erich Honeckers an der Spitze von Staat und Partei kritisiert Heym als ebenso unglaubwürdig wie jene Funktionäre, „die ihr Mäntelchen nach dem plötzlich veränderten Winde hängen“. Dieses Verhalten erinnere ihn „peinlich an Gesamtdeutschland 1945: auch damals waren die tüchtigeren unter den Volksgenossen sofort bemüht, die Kurve zu kriegen“.
Lese-Tipp: Die hier zitierten Aufsätze und weitere Wortmeldungen Stefan Heyms aus dem Herbst 1989 sind enthalten in dem Sammelband Wege und Umweg/Einmischung (München: btb, 1998), ISBN: 978-3-442-723607.
Auf dem Höhepunkt der Flucht- und Ausreisewelle vor 30 Jahren führten Stefan Heym und seine Frau Inge im Aufnahmelager für DDR-Flüchtlinge in Gießen Gespräche mit kurz vorher dort Eingetroffenen. Die ein Jahr später in dem von Heym mitherausgegebenen Sammelband Die sanfte Revolution auf gut zwei Dutzend Seiten auszugsweise dokumentierten Aussagen gelten als die am frühesten entstandenen Texte der sogenannten Protokoll-Literatur aus der Wendezeit. Sie geben ein aufschlussreiches Bild von den damaligen Zuständen in der DDR und dem Denken eines Teils ihrer Bürger unmittelbar vor den Wochen der friedlichen Revolution im Herbst 1989. Anonymisiert erläutern junge Facharbeiter, Schlosser, Gastronomen und eine Sekretärin aus verschiedenen Teilen des Landes die Beweggründe für ihre Flucht in den Westen. Unter ihnen ein erst kurz vorher aus der Partei ausgetretenes SED-Mitglied, ein ehemaliger Häftling des berüchtigten Militärgefängnisses in Schwedt und ein junger Motorsportler.
Einer der Redakteure, die in der 2nd Mobile Broadcasting Company ihren Dienst versahen, war der damals 31-jährige Sergeant Stefan Heym. Kurz nach Erscheinen seines ersten, auf Englisch verfassten Romans Hostages, der ihn in den USA auf Anhieb bekannt gemacht hatte, war er zum Dienst in der U.S. Army einberufen worden. Über Elsass-Lothringen und Luxemburg gelangte er mit dem Vorrücken der amerikanischen Truppen 1944/45 erstmals wieder nach Deutschland – zwölf Jahre nach seiner Flucht vor den Nazis. In dieser Zeit entstand eine Vielzahl von Manuskripten für Radiosendungen, die von Luxemburg aus bis weit hinein nach Deutschland ausgestrahlt wurden. Heym veröffentlichte die Arbeiten Jahrzehnte später in dem Sammelband Reden an den Feind.
Der Penguin Verlag setzt die Herausgabe neuer Taschenbuchausgaben von Stefan Heyms Romanen fort. Nachdem zum Auftakt im vergangenen Jahr seine Autobiografie Nachruf (1988) und der Roman Ahasver (1981) erschienen, hat der Verlag nun die Romane Schwarzenberg (1984) und 5 Tage im Juni (1974) in neuer Aufmachung herausgebracht. Beide Bücher nehmen einen wichtigen Platz in Heyms Gesamtwerk ein, vor allem in Bezug auf seine Kritik an den gesellschaftlichen Verhältnissen in der DDR. Während in 5 Tage im Juni Stefan Heym den Ursachen des Aufstandes vom 17. Juni 1953 nachgeht, entwirft er in Schwarzenberg die Utopie eines demokratischen Sozialismus als Alternative zu den politischen Systemen der Nachkriegszeit in Ost und West. Beide Romane waren daher in der DDR verboten. Die neuen Bände kosten jeweils 12 Euro (Deutschland).
Die international renommierte Violinistin
Stefan Heyms Roman Ahasver steht am 26. April im Mittelpunkt einer Lesung in Hamburg. Das Anfang der 1980er-Jahre erschienene Buch zählt nach Meinung vieler Literaturwissenschaftler zu Heyms bedeutendsten Werken. Der in drei verschiedenen geschichtlichen Ebenen – Erschaffung der Welt, Zeit der Reformation, atomare Bedrohung Ende des 20. Jahrhunderts – angesiedelte Roman greift die Legende vom „Ewigen Juden“ auf. Auch Bezüge zu Hamburg finden sich in dem Buch. Laut einer 1602 erschienenen, weit verbreiteten Broschüre „Kurtze Beschreibung und Erzählung von einem Juden mit Namen Ahasverus“ soll der damalige lutherische Bischof zu Schleswig, Paulus von Eitzen, im Jahre 1542 in Hamburg einen uralten Juden getroffen haben, der angab, dereinst Jesus auf dessen Weg zur Kreuzigung verhöhnt zu haben. Jesus soll ihm daraufhin geantwortet haben: „Ich bleibe und ruhe, aber du wirst wandern.“



