
Stefan Heyms Arbeitsbibliothek in seinem Haus in Berlin-Grünau. Foto: M. Müller
Die Arbeitsbibliothek von Stefan und Inge Heym wird dauerhaft der Forschung zugänglich gemacht und öffentlich präsentiert. Heyms Geburtsstadt Chemnitz hat die mehrere Tausend Bände umfassende Sammlung von Inge Heym vor einiger Zeit als Schenkung übereignet bekommen. Ein Großteil des Bestandes wird in Originalmobiliar aus Heyms Haus in Berlin-Grünau im neu geschaffenen Stefan-Heym-Forum ausgestellt, einem Ausstellungs- und Veranstaltungsbereich zu Leben und Werk des Schriftstellers im Chemnitzer Kulturzentrum „Das Tietz“.
Die über Jahrzehnte hinweg erwachsene Arbeitsbibliothek umfasst ca. 2400 Bände aus dem privaten Bestand von Stefan und Inge Heym und zeigt die gesamte Bandbreite der Themen in Heyms schriftstellerischem und publizistischem Schaffen. Sie umfasst unter anderem Sekundärliteratur und Nachschlagewerke, die er für seine Recherchen verwendete, zudem deutsch- und englischsprachige Literatur aus mehreren Jahrhunderten, zahlreiche Widmungsexemplare von Schriftstellerkollegen sowie Ausgaben von Heyms eigenen Werken in bis zu 24 verschiedenen Sprachen.
Das mit finanzieller Unterstützung der Ostdeutschen Sparkassenstiftung entstandene Stefan-Heym-Forum wurde am 16. Oktober durch Sachsens Kulturministerin Barbara Klepsch (CDU) und Oberbürgermeisterin Barbara Ludwig (SPD) offiziell eröffnet. Ein Besuch des Stefan-Heym-Forums ist künftig während der Öffnungszeiten des Kulturzentrums „Das Tietz“ jederzeit kostenfrei möglich. Regelmäßige Führungen sind geplant.
Der Gesamtbestand der Stefan-und-Inge-Heym-Arbeitsbibliothek kann voraussichtlich ab Ende November über den Onlinekatalog der Stadtbibliothek Chemnitz recherchiert und nach vorheriger Absprache für Zwecke der Wissenschaft und Forschung während der Öffnungszeiten der Stadtbibliothek Chemnitz vor Ort eingesehen werden.
Adresse: Stefan-Heym-Forum, Kulturzentrum „Das Tietz“, Moritzstraße 20 (3. Etage), 09111 Chemnitz. Öffnungszeiten: Montag bis Freitag 8.30 bis 19 Uhr, Samstag 9.30 bis 18 Uhr, Sonntag und an Feiertagen 9.45 bis 18 Uhr. Eintritt frei. Anfragen und Terminvereinbarungen: Montag bis Mittwoch, 9 bis 13 Uhr unter Telefon 0371/4884117, Donnerstag und Freitag, 10 bis 19 Uhr unter 0371/4884222.
Achtung: Aufgrund der geltenden Einschränkungen zur Eindämmung des Covid-19-Infektionsgeschehens sind derzeit leider keine Besuche möglich.

Das Büchlein erschien pünktlich zur Deutschen Einheit und war das wohl erste Werk der Belletristik, das wesentliche Facetten des Umbruchs im Osten des Landes hinterfragte: Mit „Auf Sand gebaut“ legte Stefan Heym bereits im Herbst 1990 einen Band mit sieben Kurzgeschichten vor, die zeittypische Erscheinungen auf dem Weg zur Wiedervereinigung illusionslos beschreiben. Im Mittelpunkt stehen die sprichwörtlichen „Wendehälse“ – einstige Träger des DDR-Systems, die flink Anschluss finden an die Marktwirtschaft. Aber auch von irritierten Stasifunktionären, die plötzlich ohne Aufgabe dastehen, ist die Rede; von etablierten Künstlern, die neuerdings nichts mehr wissen wollen von ihren früheren Orden und Ehrungen, und von „Alteigentümern“ aus dem Westen, die enteigneten Immobilienbesitz zurückverlangen – auch wenn dieser sich auf „Arisierungen“ während der Nazizeit gründet. Ein Heym-typisches literarisches Kontrastprogramm zur nationalen Euphorie der damaligen Zeit, das voller Sarkasmus zugleich die Tragfähigkeit des gesellschaftlichen Fundaments des neuen Deutschlands infrage stellt. Der Titel „Auf Sand gebaut“, so äußerte Heym bei der Vorstellung des Buches, deute zudem die politische Lage an und stehe für die „Geschichte der DDR, auch was sein könnte nach all den großen Reden, die jetzt geschwungen werden“.


Dass ein aktiver Abgeordneter des Bundestags mit einem Roman an die Öffentlichkeit tritt, geschieht eher selten. Vor 25 Jahren aber, im Frühjahr 1995, hatte dies der Lauf der Dinge so ergeben. Ein halbes Jahr, nachdem Stefan Heym als Alterspräsident mit einer viel beachteten Rede den 13. Deutschen Bundestag eröffnet hatte, legte der mittlerweile 82-Jährige mit Radek seinen ersten Roman nach dem Ende der DDR und der Wiedervereinigung vor. Auf weit über 500 Seiten zeichnet er darin das Leben des aus Galizien stammenden Revolutionärs Karl Radek nach, einer der widersprüchlichsten Figuren der internationalen kommunistischen Bewegung in den 1920er- und 1930er-Jahren. Der Sonderling vom linken Flügel der polnischen Sozialdemokraten wurde zu einem engen Mitstreiter Lenins, schloss sich später der Linken Opposition um Leo Trotzki an und endete schließlich nach einem der stalinistischen Schauprozesse während der großen innerparteilichen „Säuberungen“ in einem sowjetischen Straflager. Dort kam er unter ungeklärten Umständen ums Leben.



