Vor 85 Jahren: Heyms erste große Reportage

Journalist zu werden, war Stefan Heyms ursprünglicher Berufswunsch. Schon wenige Wochen nach seiner Übersiedelung aus seiner Geburtsstadt Chemnitz nach Berlin Ende 1931 war es ihm gelungen, in verschiedenen linken Publikationen gelegentlich kleinere Beiträge zu veröffentlichen. Zumeist handelte es sich dabei um Kritiken neuer Filme und Theaterstücke. Im Frühjahr 1932 nahm er an der Friedrich-Wilhelms-Universität in Berlin, der heutigen Humboldt-Universität, ein Studium unter anderem der Germanistik und Zeitungslehre auf, das ihm den Weg bereiten sollte für eine journalistische Karriere.

320724 BaM Berliner HofmusikSeine erste größere Reportage „Berliner Hofmusik“ erschien im Sommer 1932. Sie erzählt von einem Trupp erwerbsloser Laienmusiker, der in verschiedenen Vierteln Berlins von Hinterhof zu Hinterhof zieht, um sich ein paar Pfennige hinzuzuverdienen. Inspiriert nicht zuletzt durch Milieuskizzen Heinrich Zilles, beschäftigte der damals 19-Jährige sich zu dieser Zeit intensiv mit dem Elend, das infolge der Weltwirtschaftskrise immer breitere Kreise der Bevölkerung erfasste. Das Phänomen der musizierenden Erwerbslosentrupps scheint ihn dabei besonders fasziniert zu haben; bereits Anfang 1932 hatte der junge Heym sie in einem seiner zahlreichen politisch-gesellschaftskritischen Gedichte beschrieben. Wie dort lässt er auch in seiner Reportage deutlich die Hoffnung auf einen baldigen Zusammenbruch des gesellschaftlichen Systems anklingen, das seiner Ansicht nach in erster Linie für die miserablen sozialen Verhältnisse verantwortlich ist. 

Abgedruckt wurde „Berliner Hofmusik“ in vergleichsweise großer Aufmachung und mit einer Illustration versehen in der Tageszeitung „Berlin am Morgen“, einem Blatt aus dem KPD-nahen Zeitungsimperium Willi Münzenbergs. Gleichwohl der Autor der Reportage dort im Vorspann als „einer unserer Mitarbeiter“ vorgestellt wird, sind spätere Veröffentlichungen Heyms in diesem Blatt nicht bekannt.

Lese-Tipp: Die Reportage „Berliner Hofmusik“ ist enthalten in dem Sammelband „Wege und Umwege/Einmischung“ mit Publizistik Stefan Heyms aus den 1930er- bis 1980er-Jahren (München: btb, 1989; ISBN: 978-3-442-72360-7).

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