Heym 1989: „Flüchtlingsgespräche“ in Gießen

Auf dem Höhepunkt der Flucht- und Ausreisewelle vor 30 Jahren führten Stefan Heym und seine Frau Inge im Aufnahmelager für DDR-Flüchtlinge in Gießen Gespräche mit kurz vorher dort Eingetroffenen. Die ein Jahr später in dem von Heym mitherausgegebenen Sammelband „Die sanfte Revolution“ auf gut zwei Dutzend Seiten auszugsweise dokumentierten Aussagen gelten als die am frühesten entstandenen Texte der sogenannten Protokoll-Literatur aus der Wendezeit. Sie geben ein aufschlussreiches Bild von den damaligen Zuständen in der DDR und dem Denken eines Teils ihrer Bürger unmittelbar vor den Wochen der friedlichen Revolution im Herbst 1989. Anonymisiert erläutern junge Facharbeiter, Schlosser, Gastronomen und eine Sekretärin aus verschiedenen Teilen des Landes die Beweggründe für ihre Flucht in den Westen. Unter ihnen ein erst kurz vorher aus der Partei ausgetretenes SED-Mitglied, ein ehemaliger Häftling des berüchtigten Militärgefängnisses in Schwedt und ein junger Motorsportler.

In einem Interview mit einem österreichischen Magazin äußerte Stefan Heym sich anschließend kritisch. Er habe zwar Verständnis für die Flüchtlinge, heiße ihre Ausreise aber nicht gut, sagte er. Viele von ihnen hätten „so wenig Ahnung von Demokratie wie die Leute, die sie erzogen haben“ und würden wohl „sichere Wähler der Republikaner“ – einer rechten Partei, die damals mit zunehmenden Wahlerfolgen für Aufsehen sorgte.

Lese-Tipp: „Flüchtlingsgespräche“, in: Heiduczek, Werner; Heym, Stefan (Hg.): „Die sanfte Revolution“ (Leipzig und Weimar: Gustav Kiepenheuer, 1990).

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