Wettbewerb für Junge Literatur: Preisträger geehrt

Abgeordneter Jörg Vieweg (SPD, rechts) mit den Preisträgern Nadine Koop, Kilian Buchmann, Anna Bürger, Ayleen Jähnigen, Katharina Fritzsche, Leandra Stanko (v.l.n.r.) im Sächsischen Landtag in Dresden. Foto: xxxxxxx

Der Abgeordnete Jörg Vieweg (SPD, rechts) empfing die Preisträger des diesjährigen Stefan-Heym-Wettbewerbs für Junge Literatur im Sächsischen Landtag in Dresden. Von links: Nadine Koop, Kilian Buchmann, Anna Bürger, Ayleen Jähnigen, Katharina Fritzsche, Leandra Stanko. Foto: Anastasia Bass

Das Erich-Kästner-Museum und der Sächsische Landtag in Dresden waren die Stationen eines Besuches der Preisträger des diesjährigen Stefan-Heym-Wettbewerbes für Junge Literatur. An dem von Heyms einstiger Schule, dem heutigen Karl-Schmidt-Rottluff-Gymnasium Chemnitz, organisierten Wettbewerb hatten sich im abgelaufenen Schuljahr 50 Schreibtalente von Schulen aus Heyms Geburtsstadt und der Region Chemnitz beteiligt. Insgesamt waren rund 150 Arbeiten eingereicht worden. Darin setzen sich die Jugendlichen unter anderem mit den Themen Krieg, Gewalt und Flucht auseinander, ebenso mit der eigenen Suche nach dem Platz im Leben. Den Juroren, darunter vier Mitglieder des Chemnitzer Autorenvereins sowie ein früherer Preisträger und zwei Deutschlehrer, oblag die Aufgabe, die besten Texte zu küren.

Als Anerkennung erhielten die Preisträger Bücher, die von der Stadt Chemnitz, der Sächsischen Bildungsagentur und einer Chemnitzer Buchhandlung zur Verfügung gestellt wurden. Daneben gab es Gutscheine und die Einladung zu einem Besuch in Dresden. Dort wurden die Schüler vom Landtagsabgeordneten Jörg Vieweg (SPD) empfangen, einem der Gründungsmitglieder der Internationalen Stefan-Heym-Gesellschaft. „Es war mir eine große Freude, die sechs Gewinner des 4. Stefan-Heym-Wettbewerbes für Junge Literatur einen Tag nach Dresden einzuladen“, sagte Vieweg.

Mit dem in Dresden geborenen Kästner verband Stefan Heym eine besondere Beziehung. In den frühen 1930er-Jahren, als der junge Heym sich an seinen ersten Gedichten versuchte, zählte der damals bereits sehr erfolgreiche Lyriker und Buchautor zu seinen erklärten Vorbildern. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges wurden Kästner und Heym für kurze Zeit Arbeitskollegen, als beide in der Redaktion der „Neuen Zeitung“ in München tätig waren.

Lidice, Heydrich und Heyms Debütroman „Hostages“

Das Vorsatzblatt von Heyms Debütroman „Hostages“ (hier die Ausgabe von Sun Dial Press, New York, 1943) zeigt das Wappen der tschechoslowakischen Republik mit dem Wahlspruch „Pravda vítězí“ – „Die Wahrheit siegt“. Repro: M. Müller

Das Titelblatt von Heyms Debütroman „Hostages“ (hier die Ausgabe von The Sun Dial Press, Garden City, 1943) zeigt das Staatswappen der tschechoslowakischen Republik mit dem Wahlspruch „Pravda vítězí“ – „Die Wahrheit siegt“. Repro: M. Müller

Vor 75 Jahren wurde das Dorf Lidice in der von Nazi-Deutschland besetzten Tschechoslowakei in einer Vergeltungsaktion dem Erdboden gleichgemacht. Mehr als 170 Männer wurden erschossen, die Frauen und die meisten Kinder wurden in Konzentrationslager deportiert. Als Anlass diente ein Attentat ehemaliger Unteroffiziere der tschechoslowakischen Armee auf Reinhard Heydrich, den stellvertretenden „Reichsprotektor“ für das besetzte Land, Ende Mai 1942 in Prag. Der ranghohe NS-Funktionär, einer der Architekten des Holocaust, verstarb wenige Tage später an den Folgen.

Zu dieser Zeit arbeitete Stefan Heym in den USA gerade an seinem ersten Roman „Hostages“ (Geiseln) über den Widerstand der Tschechen gegen die Besatzer und ihre brutale Unterdrückung unter Heydrich. Schauplatz der Handlung ist Prag, das Heym nach seiner Flucht aus Deutschland 1933 fast zwei Jahre lang erste Exil-Station gewesen war. Spuren jener Zeit lassen sich in dem Buch deutlich ausmachen, nicht zuletzt anhand authentischer Handlungsorte.

Die Ereignisse nach dem Attentat auf Heydrich verliehen dem Roman, der im Oktober 1942 bei G. Putnam’s Sons in New York erschien, eine ungeahnte Aktualität und dürften nicht unwesentlich zu seinem Erfolg beigetragen haben. „Hostages“ wurde auf Anhieb zum Bestseller, erlebte binnen kurzer Zeit eine Reihe von Neuauflagen und wurde zur Vorlage für einen gleichnamigen Hollywoodfilm, der 1943 in die Kinos kam. In Deutschland erschien der Roman erst viele Jahre nach dem Krieg unter dem Titel „Der Fall Glasenapp“.

Lese-Tipp: Stefan Heym: „Der Fall Glasenapp“. München: btb, 2005. 368 Seiten. ISBN 9783442734559.

Uraufführung für „Der König David Bericht“

Der Koenig David Bericht von Stefan HeymStefan Heyms Roman „Der König David Bericht“ kommt erneut als Musiktheater auf die Bühne. Das von Ralph Abelein, Professor an der Musikhochschule Frankfurt am Main, komponierte Stück in zwölf Szenen erlebt am Pfingstsonntag seine Uraufführung im Rahmen der Feierlichkeiten des Evangelischen Stadtdekanates Frankfurt zum Reformationsjubiläum. Die Einrichtung des Textes von Stefan Heym erfolgte durch Helmar Breig, Stuttgart. Weitere Aufführungen finden am Freitag, 9. Juni, in der Kirche St. Jakob in Frankfurt-Bockenheim und am Sonntag, 8. Oktober, in der Stadtkirche Ludwigsburg statt.

Mit Suche nach Wahrheit, dem kritischem Umgang mit der eigenen Tradition, politischem Druck und Verstrickungen, der Standhaftigkeit zum eigenen Gewissen greife Heyms Roman Themen auf, die dessen Protagonisten – den Geschichtsschreiber Ethan – mit den Anliegen Luthers aus dem Jahr 1517 verbinden, so die Initiatoren der Produktion. „Es sind Themen unserer heutigen Zeit, die im Reformationsjahr 2017 auf besondere Weise weiter gedacht und aktualisiert werden wollen.“ Musikalisch setze das Stück auf die Integration verschiedenster Stile. Einflüsse von Pop, Jazz, Klassik und Weltmusik machten es sowohl für von klassischer als auch von Popmusik geprägte Zuhörende interessant.

In den 1980er-Jahren diente „Der König David Bericht“ schon einmal als Vorlage für eine Rockoper. Das ursprünglich in Ungarn entwickelte Musikprojekt war später vereinzelt auch in der DDR zu sehen. Kooperationspartner der Frankfurter Bearbeitung sind neben der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Frankfurt am Main, der Hochschule Darmstadt und der Kammerphilharmonie Frankfurt das Zentrum Verkündigung der Evangelischen Kirche Hessen und Nassau, die Evangelische Gemeinde Frankfurt-Bockenheim und das Evangelische Bezirkskantorat Ludwigsburg.

Weitere Informationen unter www.könig-david-bericht.de

Aufführungen:

Sonntag, 4. Juni 2017, 19 Uhr: Uraufführung in der Heiliggeistkirche im Dominikanerkloster, Kurt-Schumacher-Straße 23, 60311 Frankfurt am Main.

Freitag, 9. Juni 2017, 20 Uhr: Kirche St. Jakob, Kirchplatz 9, 60487 Frankfurt-Bockenheim.

Sonntag, 8. Oktober 2017, 18 Uhr: Stadtkirche Ludwigsburg, Stadtkirchenplatz 1, 71634 Ludwigsburg.

Szenische Lesungen mit Peter Sodann

130400Unter dem Motto „Für ein tolerantes und friedliches Zusammenleben in einem weltoffenen Sachsen“ organisiert die Fraktion der Partei Die Linke im sächsischen Landtag eine Reihe von Veranstaltungen zu Leben und Werk Stefan Heyms. Die szenische Lesung „Stefan Heym – Einer, der nie schwieg“ ist bis Mitte Juni in zwölf Städten und Gemeinden des Bundeslandes zu sehen. Nach Buch und Regie von Franz Sodann, kulturpolitischer Sprecher der Fraktion, werden Sequenzen aus Stefan Heyms Biografie, aus Gedichten, Romanen und Interviews vorgetragen. Mitwirkende sind der Schauspieler und frühere „Tatort“-Kommissar Peter Sodann, die Dresdner Schauspielerin Annette Richter und Franz Sodann. Im Anschluss folgt jeweils ein offenes moderiertes Fachgespräch zur Situation im Land.

Termine finden Sie hier.

Stefan-Heym-Preis 2017 an Joanna Bator verliehen

Oberbürgermeisterin Barbara Ludwig (rechts) bei der Übergabe des Preises an Joanna Bator. Foto: Stadt Chemnitz/Peter Zschage

Oberbürgermeisterin Barbara Ludwig (rechts) bei der Übergabe des Preises an Joanna Bator.
Foto: Stadt Chemnitz/Peter Zschage

Mit einem Festakt ist der Internationale Stefan-Heym-Preis der Stadt Chemnitz an die polnische Autorin und Publizistin Joanna Bator verliehen worden. Die Preisträgerin nahm den mit 20.000 Euro dotierten Preis am 4. April im Schauspielhaus von Heyms Geburtsstadt aus den Händen von Oberbürgermeisterin Barbara Ludwig persönlich entgegen. Das Stadtoberhaupt sagte in seiner Begrüßungsrede an die Preisträgerin gerichtet: „Die Themen, mit denen Sie sich beschäftigen, berühren in ihrer Substanz die gesellschaftlichen Debatten, denen wir täglich begegnen – eine offensichtliche Parallele zum Werk Stefan Heyms. Und genau wie er machen Sie es dem Leser nicht so leicht, sich selbst auf eine Seite zu stellen, sondern fordern ihn heraus. In Ihren Büchern geht es um Fragen, die keine einfachen Antworten kennen: Heimat, Identität, Zugehörigkeit, Ausgrenzung – wie verändern sich Menschen, wie verändern sich Gesellschaften, wenn sie sich verändern müssen?“

Die Preisträgerin, die sich nach der Verleihung des Preises auch ins Goldene Buch der Stadt Chemnitz eintrug, sagte, sie empfinde es als große Ehre, mit dem Internationalen Stefan-Heym-Literaturpreis ausgezeichnet zu werden. „Neben der Freude bedeutet dieser Preis auch eine große Verantwortung. Dass meine Romane so viele Menschen berühren, dass sie gesellschaftliche Unterschiede und sprachliche Grenzen überwinden, ist wie ein Anker für mich, wie eine Schnellkur gegen Misanthropie.“

Joanna Bator, Jahrgang 1968, gilt als eine herausragende Stimme der zeitgenössischen europäischen Literatur. Mit ihren ebenso eigenwillig wie kunstvoll und feinsinnig erzählten Texten greift sie leise, aber entschieden aktuelle gesellschaftliche Fragen und Phänomene auf, und lotet sie in ihren historischen Tiefendimensionen aus. Ihr jüngster Roman „Dunkel, fast Nacht“ zeigt, wie Hass eine Gesellschaft zerstören, wie schnell der Firnis menschlicher Moral reißen kann, wenn Menschen mit Veränderung konfrontiert sind. Für diesen Roman erhielt Joanna Bator 2013 die „Nike“, den wichtigsten polnischen Literaturpreis. In diesem Jahr stand die Autorin für das Werk auf der Shortlist des „Internationalen Literaturpreises – Haus der Kulturen der Welt“. Zuvor veröffentlichte sie die Romane „Sandberg“ (2011) und „Wolkenfern“ (2013) sowie zahlreiche Essays und Artikel.

Der Internationale Stefan-Heym-Preis der Stadt Chemnitz wird in Erinnerung an das Leben, Werk und Wirken von Stefan Heym verliehen, der am 10. April 1913 in Chemnitz geboren wurde. Mit ihm sollen zeitkritische und couragierte Persönlichkeiten gewürdigt werden, die wie Stefan Heym als Schriftsteller bzw. Publizisten herausragende und nachhaltig wirkende Leistungen erbracht haben. Erstmals wurde der Preis 2008 an Amos Oz verliehen. 2011 erhielt Bora Ćosić die Auszeichnung. Aus Anlass des 100. Geburtstags Stefan Heyms wurde der Preis 2013 an Christoph Hein vergeben.

Zum Kuratorium, das über die Vergabe des Preises entscheidet, gehören der Präsident des P.E.N. Zentrums Deutschland, der Leiter des C. Bertelsmann Verlages, der Präsident des Goethe-Institutes, der Vorsitzende der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM) – Deutsche Sektion, die Vorsitzende der Internationalen Stefan-Heym-Gesellschaft, die Oberbürgermeisterin der Stadt Chemnitz, Frau Prof. Malinowski als Inhaberin des Lehrstuhls für Neuere und Vergleichende Literaturwissenschaft an der Technischen Universität Chemnitz und zwei Stadträte des Kulturausschusses der Stadt Chemnitz.

An der Preisverleihung nahmen unter anderem Abgeordnete des Deutschen Bundestages und des Sächsischen Landtages von CDU, SPD, Linke und Bündnis 90/Die Grünen teil, ebenso die Chemnitzer Ehrenbürger Christoph Magirius (früherer Superintendent) und Siegmund Rotstein (langjähriger Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde) sowie Mitglieder der Internationalen Stefan-Heym-Gesellschaft und des Kuratoriums zur Verleihung des Internationalen Stefan-Heym-Preises.

Termine: Das komplette Begleitprogramm zur diesjährigen Verleihung des Internationalen Stefan-Heym-Preises finden Sie hier.

Heym und das Amt des Bundestags-Alterspräsidenten

Nach einem Vorschlag des Präsidenten des Deutschen Bundestages, Norbert Lammert, soll künftig nicht mehr der lebensälteste, sondern der dienstälteste Abgeordnete Alterspräsident des Parlaments bei dessen konstituierender Sitzung sein. Das ist derjenige Abgeordnete, der dem Deutschen Bundestag am längsten angehört. Damit solle sichergestellt werden, dass ein Parlamentarier die erste Sitzung des neu gewählten Bundestages leitet, der über ausreichende einschlägige Erfahrungen verfügt, sagte Lammert zur Begründung. Bei der derzeitigen Rechtslage bleibe es dem Zufall überlassen, wer Alterspräsident werde. Nicht auszuschließen sei etwa, dass ein neugewählter Abgeordneter ohne jegliche Erfahrung in der Leitung von Versammlungen oder Sitzungen in die Situation komme, die konstituierende Sitzung des größten und wichtigsten deutschen Parlaments zu leiten. Das sei mit dessen Bedeutung nicht vereinbar. Der Alterspräsident hat nach der Geschäftsordnung des Bundestages die Aufgabe, in der ersten Sitzung des Parlaments den Vorsitz zu führen, „bis der neugewählte Präsident oder einer seiner Stellvertreter das Amt übernimmt.“ Traditionell hält er zu Beginn der Sitzung eine Rede.

Als Alterspräsident des 13. Deutschen Bundestags eröffnete Stefan Heym im November 1994 die damalige erste Sitzung des Parlaments. Der 81-Jährige hatte als parteiloser Kandidat in Berlin ein Direktmandat für die Partei des Demokratischen Sozialismus (PDS) gewonnen. Mit Verweis auf angebliche Stasi-Kontakte Heyms war noch am Abend vor der Eröffnung des Bundestages versucht worden, Heyms Auftritt als Alterspräsident zu verhindern. Die Vorwürfe erwiesen sich binnen Stunden als völlig haltlos. Dennoch verweigerten die Abgeordneten der CDU/CSU-Fraktion mit Ausnahme der späteren Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth Heym nach seinem Auftritt demonstrativ den Applaus. Heyms Rede wurde entgegen der Gepflogenheiten zunächst auch nicht im „Bulletin“ der Bundesregierung veröffentlicht.

Lese-Tipp: Heyms Rede als Alterspräsident des 13. Deutschen Bundestages ist in dem Sammelband „Offene Worte in eigener Sache“ abgedruckt (München: btb, 2003; ISBN: 978-3-442-73080-3).

1932: Ein Gedicht, die Nazis, ein Abitur mit Hindernissen

20071027 Berlin Schliemannschule

Das Heinrich-Schliemann-Gymnasium in Berlin-Prenzlauer Berg. Foto: Michael Müller

Wäre es nach den Nationalsozialisten in seiner Heimatstadt Chemnitz gegangen, hätte Stefan Heym wohl nie ein Hochschulstudium beginnen können. Wer die Ehre deutscher Offiziere derart besudele, solle an keiner deutschen Schule das Abiturientenexamen mehr ablegen können, so lautete ihre öffentlich erhobene Forderung. Der Anlass: Stefan Heym hatte im Herbst 1931 – damals noch unter seinem bürgerlichen Namen Helmut Flieg – in seinem Gedicht „Exportgeschäft“ die Entsendung von Ausbildern der Reichswehr nach China aufs Korn genommen. Ein von den Nazis entfachter und über Wochen hinweg angeheizter Skandal zwang den 18-Jährigen, Chemnitz ein halbes Jahr vor den Abschlussprüfungen zu verlassen. Der junge Heym ging zu Verwandten nach Berlin. An der Heinrich-Schliemann-Schule im Gleimviertel am Prenzlauer Berg durfte er seine Ausbildung fortsetzen. Vor 85 Jahren, im März 1932, legte er dort das Abitur ab – Prüfungsnote „gut“, Berufswunsch Journalist.

Dass das Gymnasium ihn aufgenommen hatte, schrieb Stefan Heym in erster Linie dem damaligen Rektor Paul Hildebrandt zu. Der liberale Pädagoge, bereits kurz vor dem Eintritt in den Ruhestand stehend, hatte seine eigenen Erfahrungen in Auseinandersetzungen mit den erstarkenden Nationalsozialisten machen müssen und daher offenbar Verständnis für die schwierige Lage des jungen Mannes. Anders als das Chemnitzer Gymnasium behielt Stefan Heym die Schliemannschule in Berlin sehr positiv in Erinnerung. Es gab „keine Paukerei, keinen Formelkram, die Lehrer, offenbar ausgesuchte Leute, waren frei von Unsicherheit und gewillt, ihr Wissen zu teilen und ihre Fakten zur Debatte zu stellen“, schildert er in seiner Autobiografie „Nachruf“. Neben seiner Schulausbildung schrieb er in jenen Monaten weiterhin eine Vielzahl vor allem politischer und zeitkritischer Gedichte, auch erste journalistische Texte. Einige von ihnen wurden unter anderem in der „Weltbühne“ veröffentlicht.

Sein Studium (u. a. Philosophie, Volkswirtschaft, Zeitungslehre) beginnt Stefan Heym im April 1932 an der Friedrich-Wilhelms-Universität in Berlin. Nach seiner Flucht vor den Nazis aus Deutschland im Frühjahr 1933 ermöglicht ihm das Stipendium einer jüdischen Studentenverbindung, das Studium ab 1935 in den USA fortzusetzen. Knapp zwei Jahre später beendet er es mit einer Magisterarbeit über Heinrich Heines Versdichtung „Atta Troll“.

Lese-Tipp: Eine Auswahl von Gedichten Stefan Heyms aus den 1930er-Jahren bietet der Band „Ich aber ging über die Grenze“ (C. Bertelsmann, 2013. ISBN 978-3-570-10160-5).

Literatur, Bildende Kunst und der junge Heym

Ich aber ging ueber die Grenze von Stefan HeymUnter dem Titel „Literatur trifft Bildende Kunst“ stellen Mitglieder der Internationalen Stefan-Heym-Gesellschaft und Künstler am 14. März in Stefan Heyms Geburtsstadt Chemnitz frühe Gedichte Heyms vor und erläutern deren Entstehung in biografischen Zusammenhängen. Sie beleuchten dabei unter anderem auch, mit welchen bildenden Künstlern Stefan Heym in jungen Jahren in Kontakt stand und wie deren Sicht auf die Welt seine Arbeiten beeinflusste.

Stefan Heym hatte seit seinem 17. Lebensjahr zahlreiche, vor allem zeitkritische und politische Gedichte verfasst. Erstaunlich viele wurden damals auch veröffentlicht; anfangs noch unter seinem Geburtsnamen Helmut Flieg, später oft unter Pseudonym. Eine repräsentative Auswahl in Buchform – illustriert mit Collagen von Horst Hussel – erschien unter dem Titel „Ich aber ging über die Grenze“ (Abbildung) erst anlässlich seines 100. Geburtstages im April 2013.

Die Veranstaltung in Kooperation mit der Galerie Borssenanger und der Volkshochschule Chemnitz ist Teil des Begleitprogramms zur Verleihung des Internationalen Stefan-Heym-Preises für Literatur und Publizistik. Mit ihm ehrt die Stadt Chemnitz Anfang April die polnische Autorin Joanna Bator. Das komplette Begleitprogramm finden Sie hier.

Termin: Dienstag, 14. März, 19 Uhr, Galerie Borssenanger, Straße der Nationen 2 (Johannisplatz), 09111 Chemnitz. Der Eintritt ist frei.

Vor 80 Jahren: Erste Ausgabe des „Deutschen Volksecho“

Das Deutsche Volksecho vom 3. April 1937.

Das Deutsche Volksecho, Ausgabe vom 3. April 1937.

„Hitler konferiert über Wall Street Kredit“ – mit dieser Schlagzeile auf dem Titel erschien im Winter 1937 in New York die erste Ausgabe einer deutschsprachigen Wochenzeitung mit dem Titel „Deutsches Volksecho“. Verantwortlicher Redakteur des 16-seitigen Blattes war der damals 23-jährige Stefan Heym. Vier Jahre nach seiner Flucht aus Hitlers Deutschland hatte ihm der ebenfalls in die USA emigrierte linkssozialistische Politiker Kurt Rosenfeld diese Aufgabe angetragen. Heym hatte wenige Wochen zuvor sein Germanistikstudium beendet und bereits während seiner Studienzeit in Chicago Texte für linke Publikationen geschrieben.

Das „Deutsche Volksecho“ wandte sich insbesondere an die deutschamerikanische Bevölkerung. Eine seiner Hauptaufgaben sah das Blatt darin, gegen den wachsenden Einfluss der Nationalsozialisten auf deutschstämmige Amerikaner anzuschreiben. Die Aufgabe der Deutschen sei es, so heißt es in einem programmatischen Beitrag in der ersten Ausgabe, „ihre Freiheit wiederzugewinnen, um gleichberechtigt in der Welt an der Seite der fortschrittlichen Demokratien für soziale Befreiung und für den Frieden zu kämpfen“.

Die politische Linie der von den Herausgebern als überparteilich bezeichneten Zeitung folgte der sogenannten Volksfrontpolitik, die ab 1935 den Kurs der Parteien der kommunistischen Internationale (Komintern) bestimmte. Sie zielte auf breite Bündnisse linker, liberaler und bürgerlicher Parteien ab – möglichst unter Kontrolle der Kommunisten. Dies führte das „Deutsche Volksecho“ wiederholt in öffentlich ausgetragene Auseinandersetzungen, insbesondere mit der ebenfalls in New York erscheinenden, sozialdemokratisch beeinflussten „Neuen Volkszeitung“.

Stefan Heym leitete das „Deutsche Volksecho“ bis zur letzten Nummer, die im September 1939 erschien. Er gewann eine Reihe namhafter Zeitgenossen für Beiträge und Interviews, darunter Thomas Mann, Ludwig Renn, Ilja Ehrenburg und Albert Einstein. Nachdem das Blatt mit wirtschaftlichen Schwierigkeiten zu kämpfen und in der Folge seinen Umfang bereits beträchtlich reduziert hatte, kam nach dem Hitler-Stalin-Pakt und im Zuge der Aufgabe der Volksfront-Politik der Komintern das endgültige Aus für die Zeitung.

Lese-Tipp: Einige Beiträge Stefan Heyms aus dem „Deutschen Volksecho“ sind in dem Sammelband „Wege und Umwege“ mit Publizistik Heyms aus fünf Jahrzehnten erschienen.

Über Heinrich Heine: Stefan Heyms letzte Rede

Der Katalog zur Heine-Konferenz in Jerusalem, bei der Stefan Heym im Dezember 2001 seine letzte Rede hielt. Quelle: Verlag Hoffmann & Campe

Der Tagungsband zur Heine-Konferenz in Jerusalem, auf der Stefan Heym im Dezember 2001 seine letzte Rede hielt. Quelle: Verlag Hoffmann & Campe

Mit einer Veranstaltung zu Stefan Heyms letzter Rede, gehalten wenige Tage vor seinem Tod im Dezember 2001 in Israel, beginnt am 10. März das Begleitprogramm zur Verleihung des Internationalen Stefan-Heym-Preises 2017. Den mit 20.000 Euro dotierten Literaturpreis erhält in diesem Jahr die polnische Schriftstellerin Joanna Bator. Die feierliche Preisverleihung ist für Anfang April in Stefan Heyms Geburtsstadt Chemnitz vorgesehen.

Die Internationale Stefan-Heym-Gesellschaft hat in Zusammenarbeit mit einer Reihe von Partnern ein facettenreiches Begleitprogramm mit Lesungen, Programmen und Führungen vorbereitet. Den Auftakt gestalten die Violinistin Barbara Sadowski und der Filmkomponist Peter Gotthardt mit einem besonderen literarisch-musikalischen Abend zu Stefan Heyms Rede über Heinrich Heine, die er auf der internationalen Konferenz „Heinrich Heine in Jerusalem“ hielt.

Stefan Heym fühlte sich Heine ein Leben lang verbunden. Ob als Student im amerikanischen Exil, als anerkannter Schriftsteller in den 1950er-Jahren oder auch im hohen Alter noch – immer wieder setzte er sich mit Heine und seinen Schriften auseinander. „Ich hatte ihn immer geliebt“, sagte er einmal, „und wenn einer mir Vorbild gewesen war, dann er.“ Auch dies ein Grund, warum Heym – bereits hochbetagt – nur wenige Wochen nach den Anschlägen vom 11. September 2001 die Reise nach Israel auf sich genommen hatte. Seine Rede auf der Konferenz in Jerusalem ist auf Tonband erhalten geblieben. Mehrere Auszüge werden am 10. März zu hören sein.

Termin: Freitag, 10. März, 19 Uhr, Kulturzentrum Tietz (Veranstaltungssaal), Moritzstraße 20, 09111 Chemnitz. Eintritt 7 Euro, ermäßigt 4 Euro. Das komplette Begleitprogramm finden Sie hier.