Einstige Fabrik von B. Eisenberg & Sohn vor dem Abriss

Reste der früheren Fabrik in Niederdorf (Sachsen), die zu Stefan Heyms Jugendzeit zum Unternehmen seines Vaters gehörte. Ein einst dem Komplex angegliedertes Wohnhaus wurde bereits abgetragen. Foto: M. Müller

Einer der letzten authentischen Orte aus Stefan Heyms Jugendzeit steht vor dem Aus. Die Gemeinde Niederdorf im Erzgebirge plant für dieses Jahr den Abriss einer Fabrik, die bis in die 1930er-Jahre hinein zu jenem Strumpf- und Trikotagenunternehmen gehörte, das von Stefan Heyms Vater und einem seiner Onkel geleitet wurde. Der heruntergekommene Bau steht seit vielen Jahren leer und gilt als Problem für das Ortsbild. Ein Teil des Komplexes war bereits vor einigen Jahren abgetragen worden.

Das von Heyms Urgroßvater gegründete Unternehmen B. Eisenberg & Sohn hatte den Betrieb im ca. 15 Kilometer von Heyms Geburtsstadt Chemnitz entfernten Niederdorf gegen Ende des Ersten Weltkrieges übernommen und zunächst unter der Firma des Vorbesitzers F.A. Thierfelder weitergeführt. Nach der Weltwirtschaftskrise musste die Produktion wiederholt auf Kurzarbeit umgestellt werden. Anfang 1936 wurde die an der heutigen August-Bebel-Straße gelegene Fabrik stillgelegt, drei Jahre später das Familienunternehmen aus dem Handelsregister gestrichen. In den Betrieb in Niederdorf zog später eine Tischlerei ein.

In seiner Autobiografie „Nachruf“ beschreibt Stefan Heym Niederdorf als eine Schlüsselerfahrung seiner Jugendzeit. Während der gelegentlichen Besuche in der Fabrik sei sein Kopf „voll wirrer Gefühle und Gedanken“ gewesen, so Heym mit Blick auf die soziale Lage der Arbeiter in dem Betrieb. „Sie waren die Keimzellen von einigem, was in den Büchern des S.H. zutage treten sollte.“

Lese-Tipps: Stefan Heyms Autobiografie „Nachruf“ ist zuletzt im Penguin Verlag erschienen (Leseprobe). Eine Abhandlung des Historikers Dr. Jürgen Nitsche zur Firmengeschichte des Unternehmens B. Eisenberg & Sohn findet sich im „Museumskurier“ des Chemnitzer Industriemuseums Nr. 31 (Juni 2013), S. 12f.

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Vor 70 Jahren: „The Eyes of Reason“ erscheint

Originalausgabe aus dem Verlag Little, Brown & Company in Boston, Frühjahr 1951. Auf dem Schutzumschlag ist ein Teil der Prager Burg zu sehen; im Inneren eine Zeichnung zur Umgebung der fiktiven Kleinstadt Rodnik, dem Schauplatz der Handlung. Foto: M. Müller

Der Roman zählt nicht zu den bekanntesten Büchern Stefan Heyms, Kenner seines Werkes halten ihn gleichwohl für einen seiner besten: Vor 70 Jahren, im Frühjahr 1951, erschien in den USA mit „The Eyes of Reason“ Heyms erstes literarisches Plädoyer für eine Alternative zum Kapitalismus. Es ist zugleich die letzte größere Arbeit Stefan Heyms, die in den Vereinigten Staaten entstand.

Die Handlung des Romans, der auf Deutsch später unter dem Titel „Die Augen der Vernunft“ erschien, spielt in den ersten Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg in der Tschechoslowakei; einem Land, das Stefan Heym seit seinem antifaschistischen Exil in Prag 1933-35 sehr schätzte und das bereits Schauplatz seines neun Jahre zuvor erschienenen Debütromans „Hostages“ war. Anfang 1948 hatte in Prag die Kommunistische Partei die Macht übernommen, nachdem sie als stärkste Kraft aus den Parlamentswahlen hervorgegangen war. „Hier geschieht es zum ersten Mal“, zeichnete Heym dreieinhalb Jahrzehnte später in seiner Autobiografie „Nachruf“ seine damaligen Gedanken nach, „dass die Revolution, die sozialistische, in einem industriell entwickelten Lande auftritt, und aus dem eigenen Volk heraus, nicht auf den Geschütztürmen der Panzer einer Siegermacht.“

Anhand der Geschichte dreier Brüder diskutiert Stefan Heym in seinem Roman recht ausgewogen verschiedene Optionen für die künftige politische Entwicklung des Landes – von bürgerlich-kapitalistisch über freiheitlich-liberal bis sozialistisch. Breiten Raum nehmen dabei die Erörterung individueller Freiheiten und die Auslotung ihrer Grenzen ein. Auffällig und keineswegs untypisch für Heym ist, dass er bereits in diesem Roman den Sozialismus nicht im klassischen marxistischen Sinne das Wort spricht, sondern ihn eher als die „vernünftigere“, weil stärker am Gemeinwohl orientierte Gesellschaftsalternative interpretiert.

Bevor Stefan Heym mit der Niederschrift von „The Eyes of Reason“ begann, unternahm er ausführliche Recherchen in Prag und der böhmischen Provinz, interviewte Zeitzeugen über den Umbruch in der Tschechoslowakei und informierte sich im Detail über wirtschaftliche Fragen, insbesondere zur Glasindustrie. Daraus entstand ein hunderte Einzelaspekte umfassendes, systematisiertes Recherchematerial. Kritiker bemängelten allerdings, dass Heym in seinem Roman wesentliche zeitgeschichtliche Ereignisse nur sehr selektiv berücksichtigt. Ein Vorwurf, mit dem er auch bei späteren Werken konfrontiert werden sollte.

Nach Erscheinen des Buches in Amerika, in den ersten Jahren des kalten Krieges, wurden Stefan Heym in Rezensionen und Kommentaren vielfach prosowjetische Propaganda und Illoyalität gegenüber den Vereinigten Staaten vorgeworfen, deren Staatsbürger er einige Jahre zuvor geworden war. Er und seine erste Frau Gertrude, die der Kommunistischen Partei der USA angehörte, drohten, ins Visier der Verfolgung echter und vermeintlicher Kommunisten unter Senator Joseph McCarthy zu geraten. Schon bald nach Erscheinen von „The Eyes of Reason“, entschied sich das Paar daher, Amerika zu verlassen. Es sollte ein Abschied für immer werden.

Lesetipp: „The Eyes of Reason“ ist im amerikanischen Original bei diversen Anbietern als E-Book erhältlich. Auf Deutsch erschien das Buch zuletzt als Taschenbuch im btb-Verlag (ISBN: 978-3-442-72353-9).

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Kritische Digital-Ausgabe von „Ahasver“ in Vorbereitung

Foto: Andreas Truxa, Montage: Jacob Müller/TU Chemnitz.

Die Professur Neuere Deutsche und Vergleichende Literaturwissenschaft der Technischen Universität Chemnitz und das Trier Center for Digital Humanities planen die Herausgabe einer digitalen historisch-kritischen und kommentierten Ausgabe von Stefan Heyms Roman „Ahasver“. Für das als Pilotprojekt zu einer digitalen historisch-kritischen Edition konzipierte Vorhaben seien erfolgreich Mittel bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) eingeworben worden, teilten die Inhaberin der Professur, Prof. Dr. Bernadette Malinowski, und ihr Mitarbeiter PD Dr. Christoph Grube mit.

Das Projekt besteht in einer digitalen historisch-kritischen und kommentierten Ausgabe des 1981 erschienenen Romans „Ahasver“. Der auf drei Zeit-Ebenen angelegte Text sei aufgrund seiner intertextuellen Bezüge und seiner zahlreichen zeitgenössischen Anspielungen, z. B. auf die DDR-Verhältnisse, für heutige Leser oft nicht mehr ohne Weiteres verstehbar, heißt es zur Begründung des Vorhabens. Das DFG-Projekt unternehme es nun, die in Stefan Heyms umfangreichem Privatarchiv erhaltenen Materialsammlungen, Vorarbeiten und Manuskripte des Romans aufzubereiten und als Open Access für eine digitale historisch-kritische Ausgabe erstmals einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Dazu arbeiten die Chemnitzer Germanisten mit der Cambridge University Library zusammen, der Stefan Heym seinen Nachlass bereits zu Lebzeiten vermacht hatte.

Unterstützt worden sei das Vorhaben von Anfang an von Inge Heym, der Frau des Schriftstellers, von Sebastian Ritscher, dem Literaturagenten Stefan Heyms, dem Vorstand der Internationalen Stefan-Heym-Gesellschaft sowie von Thomas Rathnow, dem CEO der Verlagsgruppe Random House. „Ohne deren Placet und insbesondere das Einverständnis von Frau Heym“, so Prof. Malinowski, „hätten wir dieses Projekt erst gar nicht in Angriff nehmen können. Wir hoffen natürlich sehr, dass dieses für die Dauer von drei Jahren geförderte Vorhaben den Auftakt für eine künftige Gesamtedition des belletristischen und publizistischen Werks von Stefan Heym bildet. Aber soweit wagen wir noch gar nicht zu denken, zumal damit immer auch schwierige Urheberrechtsfragen verbunden sind.

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Bewerbungsfrist für Stefan-Heym-Förderpreise verlängert

Mit Rücksicht auf die Einschränkungen durch die Corona-Pandemie hat die Stadt Chemnitz die Bewerbungsfrist für die 2020 ausgelobten Stefan-Heym-Förderpreise bis zum 15. März 2021 verlängert. Die Corona-Pandemie habe Schülerinnen und Schüler, Studierende, Forscherinnen und Forscher, Publizistinnen und Publizisten sowie ganz besonders die Kreativwirtschaft vor ungeahnte Herausforderungen gestellt, heißt es zur Begründung. Da eine reguläre Projektarbeit für viele 2020 nicht wie üblich möglich gewesen sei, werde die Bewerbungsphase nun verlängert.

Die Förderpreise im Gesamtwert von 20.000 Euro werden in Form eines anteiligen Preisgeldes zusätzlich zum Internationalen Stefan-Heym-Preis vergeben. Gewürdigt werden insbesondere Projekte und Initiativen im Bereich von Wissenschaft, Kunst, Kultur und Forschung bzw. Nachlasspflege, aber auch publizistische und dokumentarische Arbeiten, Stipendien oder Projekte, die sich mit Leben und Werk Stefan Heyms auseinandersetzen. Über die Vergabe entscheidet das Kuratorium zur Vergabe des Internationalen Stefan-Heym-Preises der Stadt Chemnitz voraussichtlich Ende März 2021.

Bewerben können sich Personen, Initiativen, Institutionen, private und öffentliche Einrichtungen und Vereine. Die Projekte sollen innerhalb der rund drei Jahre bis zur nächsten Verleihung des Stefan-Heym-Preises umgesetzt werden. Mit der Bewerbung sollen eine Beschreibung des Projektes (max. zwei Seiten im Format DIN A4), ein Kosten- und Finanzierungsplan, ein Plan für die Öffentlichkeitsarbeit zum Projekt und ein Zeitplan eingereicht werden.

Nähere Informationen zum Internationalen Stefan-Heym-Preis der Stadt Chemnitz und den Förderpreisen unter www.stefan-heym-preis.de

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Vor 55 Jahren: Heym und das 11. Plenum des ZK der SED

Eines der folgenreichsten Ereignisse in der Kulturgeschichte der DDR jährt sich in diesen Tagen zum 55. Mal. Mit dem elften Plenum des Zentralkomitees der herrschenden Partei SED im Dezember 1965 wurde allen Tendenzen einer Öffnung und Demokratisierung im Bereich von Kunst und Kultur der Kampf angesagt. Das Ergebnis: Ein Dutzend Filme, die die staatliche Filmgesellschaft Defa im zu Ende gehenden Jahr produziert hatte, werden verboten, kritische Theaterstücke abgesetzt, die Beat-Musik als Instrument ideologischer Zersetzung der Jugend durch den Klassenfeind gebrandmarkt.

Stefan Heym zählte neben dem Philosophen Robert Havemann, dem Liedermacher Wolf Biermann und dem Romanautor Werner Bräunig zu jenen Intellektuellen, gegen die auf dem mehrtägigen Plenum die schärfsten Angriffe geführt wurden. Er gehöre „zu den ständigen negativen Kritikern der Verhältnisse in der DDR“, urteilte Erich Honecker in seinem Hauptreferat. Heym sei „offensichtlich nicht bereit, Ratschläge, die ihm mehrfach gegeben worden sind, zu beachten“.

Aktueller Blick zurück: Das Buch „1965. Der kurze Sommer der DDR“ ist im Verlag Carl Hanser erschienen. Für Autor Gunnar Decker setzte damals jene innere Erosion ein, die 1989 zum Zusammenbruch der DDR führte.

Das Buch „1965. Der kurze Sommer der DDR“ ist im Verlag Carl Hanser erschienen. Für Autor Gunnar Decker setzte mit dem 11. Plenum jene innere Erosion ein, die 1989 zum Zusammenbruch der DDR führte.

Auslöser waren neben Stefan Heyms damals noch unveröffentlichtem Roman über den Aufstand vom 17. Juni 1953 vor allem seine beiden Texte „Stalin verlässt den Raum“ (1964) und „Die Langeweile von Minsk“ (1965). Darin setzte er sich kritisch mit der Aufgabe der Intellektuellen in der Gesellschaft und dem Erbe der Stalin-Zeit auseinander. Hardliner in der Staats- und Parteiführung werteten dies als Angriff auf die führende Rolle der SED. „Die ,Wahrheit‘, die er verkündet“, so Honecker über Heym, sei „die Behauptung, dass nicht die Arbeiterklasse, sondern nur die Schriftsteller und Wissenschaftler zur Führung der neuen Gesellschaft berufen seien.“

Für Stefan Heym hatte die Verdammung durch das sogenannte Kahlschlag-Plenum unmittelbare und lang anhaltende Folgen. Bereits wenige Tage später erhielt er eine Vorladung zum Innenminister der DDR, der ihn aufforderte, jedwede öffentliche Äußerungen gegen die DDR künftig zu unterlassen. Heym bestritt, solche Äußerungen je getätigt zu haben. In den folgenden Jahren ist es Stefan Heym kaum noch möglich, in der DDR Bücher zu veröffentlichen. Im öffentlichen Leben des Landes gilt er fortan als unerwünschte Person.

Lese-Tipps: Die beiden Essays „Stalin verlässt den Raum“ (1964) und „Die Langeweile von Minsk“ (1965) sind unter anderem in dem Band „Wege und Umwege / Einmischung“ der Werkausgabe enthalten. Eine Reihe von Studien und zeitgenössischen Dokumenten zum Thema (darunter die Rede Honeckers) bietet der von Wolfgang Engler zusammengestellte Band „Kahlschlag. Das 11. Plenum des ZK der SED 1965“ (Berlin: Aufbau Taschenbuch, 2000). Eine ausführliche Untersuchung (nicht zuletzt der zeitgeschichtlichen und politischen Hintergründe) lieferte zuletzt Gunnar Decker mit dem Buch „1965. Der kurze Sommer der DDR“ (München: Carl Hanser, 2015).

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Vor 30 Jahren: Stefan Heym wird erstmals Ehrendoktor

Die Universität Bern. Foto: Krol:k / CC BY-SA 3.0

Die Universität Bern. Foto: Krol:k / CC BY-SA 3.0

Dass Religionswissenschaftler einen Sozialisten ehren, das ist ein wohl eher außergewöhnlicher Vorgang. Vor 30 Jahren, am 1. Dezember 1990, geschah genau dies: Stefan Heym wurde anlässlich des örtlichen Dies academicus von der evangelisch-theologischen Fakultät der Universität Bern die Ehrendoktorwürde verliehen. Die Fakultät würdigte damit seinen „intensiven und kreativen Umgang mit der Bibel“, wie er vor allem in zwei seiner bekanntesten Romane zum Ausdruck kommt – „Der König David Bericht“ (1972) und „Ahasver“ (1981).

Stefan Heym, der in einem nicht sonderlich religiösen deutsch-jüdischen Elternhaus aufgewachsen war, sah in der Auszeichnung keinen Widerspruch. Auch er sei ja nicht frei von Ängsten, die den Rest der Menschheit umtreiben, bekannte der damals 77-Jährige. „Unser Anfang und unser Ende liegen in erschreckendem Dunkel, und das einzige Licht in dieser Dunkelheit ist eben das von uns selbst geschaffene, der einzige erlösende Gedanke der von uns selbst erdachte: Gott.“

Lese-Tipp: Stefan Heyms Dankesrede anlässlich der Verleihung der Ehrendoktorwürde ist abgedruckt in dem Band „Offene Worte in eigener Sache“ mit Publizistik und Interviews Stefan Heyms aus der Zeit ab 1990, erschienen im btb-Verlag. Leseprobe: https://bit.ly/34kk2em.

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Heym und die US-Präsidentschaftswahl 1936

Franklin D. Roosevelt (1882-1945). Foto: The National Archives. Franklin D. Roosevelt Library. 6/30/1941-6/30/1949

Franklin D. Roosevelt (1882-1945). Foto: The National Archives. Franklin D. Roosevelt Library. 6/30/1941-6/30/1949

„Es ist ein kalter, frischer Novembermorgen. Bis zwei Uhr nachts haben wir an den Radioapparaten gehangen.“ Mit diesen Worten beginnt ein – soweit bekannt unveröffentlicht gebliebener – Text Stefan Heyms, den er als 23-Jähriger Anfang November 1936 in Chicago über den mit Spannung erwarteten Ausgang der amerikanischen Präsidentschaftswahlen schrieb. Der Demokrat Franklin D. Roosevelt war im Amt bestätigt worden. Den Erfinder des Reformprogramms „New Deal“ hatte Heym Wochen zuvor in einem Aufsatz für die in Prag erscheinende „Neue Weltbühne“ noch heftig kritisiert und der „sozialen Demagogie“ bezichtigt. Später, unter dem Eindruck der Expansion faschistischer Regimes in Europa, der Judenverfolgung und des Zweiten Weltkriegs änderte er seine Meinung radikal. Roosevelt und die Demokraten in der US-Regierung wurden für Heym zu entscheidenden Hoffnungsträgern im Kampf gegen Hitler. „Roosevelt war ein Stück innerer Sicherheit gewesen“, schreibt er rückblickend in seiner Autobiografie „Nachruf“.

Insgesamt erlebt Stefan Heym während der 15 Jahre, die er in den USA verbrachte, nur zwei Präsidenten – Roosevelt und, nach dessen Tod im April 1945, Harry S. Truman. Dessen republikanischer Nachfolger Dwight D. Eisenhower erhielt im Frühjahr 1953 von Heym ein Schreiben, mit dem er aus Protest gegen den Korea-Krieg seine militärische Auszeichnung (Bronze Star Medal) zurückgab, die ihm als Angehöriger der US-Streitkräfte im Zweiten Weltkrieg verliehen worden war.

Lese-Tipp: Zahlreiche publizistische Texte aus Stefan Heyms Zeit in den USA sind in dem Sammelband „Wege und Umwege/Einmischung“ erschienen. Eine Reihe rückblickender Bemerkungen über seine politischen Ansichten während der 1930er- und 1940er-Jahre finden sich zudem in Heyms Autobiografie Nachruf“, zuletzt erschienen bei Penguin (Leseprobe hier).

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Covid19: Alle Veranstaltungen auf 2021 verschoben

Angesichts der steigenden Covid19-Infektionszahlen und zu erwartender weiterer Einschränkungen des öffentlichen Lebens werden in diesem Jahr leider keine Veranstaltungen der Internationalen Stefan-Heym-Gesellschaft mehr stattfinden können. Ein für November geplantes Zeitzeugengespräch über Heyms Publizistik mit Heinfried Henniger, Lektor und Mitherausgeber mehrerer Bücher Stefan Heyms, soll im kommenden Jahr nachgeholt werden, kündigt Dr. Ulrike Uhlig, die Vorstandsvorsitzende der Gesellschaft, an. Auch für eine ebenfalls für November geplante Präsentation junger Nachwuchswissenschaftler, die sich mit verschiedenen Aspekten in Stefan Heyms Werk auseinandergesetzt haben, werde versucht, einen Nachholtermin zu vereinbaren.

Zuvor hatten bereits im Frühjahr mehrere Veranstaltungen coronabedingt abgesagt werden müssen, darunter ein Vortrag mit Lesung anlässlich der Reihe „75 Jahre unbesetzte Zeit“ in Schwarzenberg, dem Schauplatz eines Romans Stefan Heyms aus den 1980er-Jahren. Sie soll ebenfalls im Jahr 2021 nachgeholt werden.

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Chemnitz macht Heyms Arbeitsbibliothek zugänglich

Stefan Heyms Arbeitsbibliothek in seinem Haus in Berlin-Grünau.

Stefan Heyms Arbeitsbibliothek in seinem Haus in Berlin-Grünau. Foto: M. Müller

Die Arbeitsbibliothek von Stefan und Inge Heym wird dauerhaft der Forschung zugänglich gemacht und öffentlich präsentiert. Heyms Geburtsstadt Chemnitz hat die mehrere Tausend Bände umfassende Sammlung von Inge Heym vor einiger Zeit als Schenkung übereignet bekommen. Ein Großteil des Bestandes wird in Originalmobiliar aus Heyms Haus in Berlin-Grünau im neu geschaffenen Stefan-Heym-Forum ausgestellt, einem Ausstellungs- und Veranstaltungsbereich zu Leben und Werk des Schriftstellers im Chemnitzer Kulturzentrum „Das Tietz“.

Die über Jahrzehnte hinweg erwachsene Arbeitsbibliothek umfasst ca. 2400 Bände aus dem privaten Bestand von Stefan und Inge Heym und zeigt die gesamte Bandbreite der Themen in Heyms schriftstellerischem und publizistischem Schaffen. Sie umfasst unter anderem Sekundärliteratur und Nachschlagewerke, die er für seine Recherchen verwendete, zudem deutsch- und englischsprachige Literatur aus mehreren Jahrhunderten, zahlreiche Widmungsexemplare von Schriftstellerkollegen sowie Ausgaben von Heyms eigenen Werken in bis zu 24 verschiedenen Sprachen.

Das mit finanzieller Unterstützung der Ostdeutschen Sparkassenstiftung entstandene Stefan-Heym-Forum wurde am 16. Oktober durch Sachsens Kulturministerin Barbara Klepsch (CDU) und Oberbürgermeisterin Barbara Ludwig (SPD) offiziell eröffnet. Ein Besuch des Stefan-Heym-Forums ist künftig während der Öffnungszeiten des Kulturzentrums „Das Tietz“ jederzeit kostenfrei möglich. Regelmäßige Führungen sind geplant.

Der Gesamtbestand der Stefan-und-Inge-Heym-Arbeitsbibliothek kann voraussichtlich ab Ende November über den Onlinekatalog der Stadtbibliothek Chemnitz recherchiert und nach vorheriger Absprache für Zwecke der Wissenschaft und Forschung während der Öffnungszeiten der Stadtbibliothek Chemnitz vor Ort eingesehen werden.

Adresse: Stefan-Heym-Forum, Kulturzentrum „Das Tietz“, Moritzstraße 20 (3. Etage), 09111 Chemnitz. Öffnungszeiten: Montag bis Freitag 8.30 bis 19 Uhr, Samstag 9.30 bis 18 Uhr, Sonntag und an Feiertagen 9.45 bis 18 Uhr. Eintritt frei. Anfragen und Terminvereinbarungen: Montag bis Mittwoch, 9 bis 13 Uhr unter Telefon 0371/4884117, Donnerstag und Freitag, 10 bis 19 Uhr unter 0371/4884222.

Achtung: Aufgrund der geltenden Einschränkungen zur Eindämmung des Covid-19-Infektionsgeschehens sind derzeit leider keine Besuche möglich.

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Vor 75 Jahren: Stefan Heym und „Die Neue Zeitung“

Titelseite der ersten Ausgabe der „Neuen Zeitung“ vom 18. Oktober 1945. Links eine Kolumne von Stefan Heym.

Titelseite der ersten Ausgabe der „Neuen Zeitung“ vom 18. Oktober 1945. Links eine Kolumne von Stefan Heym.

Mit einer Kolumne von Stefan Heym auf der Titelseite erschien im Herbst 1945 in München die erste Ausgabe der „Neuen Zeitung“. Das von der amerikanischen Militärregierung herausgegebene Blatt wurde binnen kurzer Zeit zur erfolgreichsten deutschsprachigen Zeitung der Nachkriegszeit und erzielte außerordentlich hohe Auflagen. Dem Mitarbeiterstab gehörten neben Angehörigen der US-Armee wie Stefan Heym mehrere deutsche Redakteure an, darunter der Schriftsteller Erich Kästner, dessen Lebensgefährtin Luiselotte Enderle, die Wissenschaftlerin und spätere FDP-Politikerin Hildegard Brücher sowie der spätere Fernseh-Moderator Robert Lembke.

Stefan Heym war vor allem für außenpolitische Themen zuständig. Er betreute die Rubrik „Weltpolitische Umschau“, in der er mit Nachrichten aus aller Welt ausführlich über aktuelle Entwicklungen rund um den Globus berichtete. Besonderes Augenmerk widmete er der Gründung der Vereinten Nationen (UN) und dem Bemühen, in Europa eine tragfähige Nachkriegsordnung zu etablieren. Doch Heyms Engagement bei der Neuen Zeitung“ dauerte nur wenige Wochen. Angesichts der zunehmend distanzierten Haltung der USA gegenüber der Politik ihres bisherigen Verbündeten Sowjetunion kam es bald zu Konflikten über die politische Linie seiner Beiträge. Nach einer Auseinandersetzung über einen seiner Leitartikel schied er aus der Redaktion aus. Noch vor Weihnachten ging er aus Deutschland zurück nach Amerika, wo er wieder als Schriftsteller arbeitete. Wenige Monate später trat sein Vorgesetzter Hans Habe, der Gründer der Zeitung, als Chefredakteur zurück. „Die Neue Zeitung“ erschien bis 1955.

Lese-Tipp: Stefan Heyms Kolumne „Der eigene Magen“ aus der ersten Ausgabe der Neuen Zeitung“ ist im Sammelband Wege und Umwege mit Publizistik Heyms aus fünf Jahrzehnten abgedruckt. Einen weiteren Leitartikel Heyms („Fassungsvermögen“), der in Nummer 2 der Neuen Zeitung“  (21. Oktober 1945) erschien, enthält die von Wilfried F. Schoeller herausgegebene Sammlung „Diese merkwürdige Zeit. Leben nach der Stunde Null“ (Frankfurt am Main: Edition Büchergilde, 2005), die Texte aus der Neuen Zeitung“ aus den Jahren 1945 bis 1955 dokumentiert.

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